3.10 – Demobericht und Stellungnahme

Vergangenen Mittwoch wurde die einzige regionale Gegendemonstration zum „Tag der deutschen Einheit“, für die kurzfristig mobilisiert wurde, mit anfänglich knapp 50 Teilnehmer_innen erfolgreich absolviert. Allen voran möchten wir uns bei den Unterstützer_innen aus Kiel und Eckernförde bedanken, welche extra zu diesem Ereignis den relativ langen Weg angetreten sind und auch ein Groß der Demonstrant_innen ausmachten, was die obligatorische Frage aufwirft, warum zu der bis dato einzigen regionalen Demonstration wesentlich mehr Menschen aus den umliegenden Gebieten kommen, als aus Lübeck selbst.

Neben der schon im Vorfeld bekräftigten Zustimmung und Versicherung der Teilnahme an der Demonstration zahlreicher Einzelpersonen und Gruppen, nach der eine große Leere zurück bleibt, meldeten sich allen Erwartungen voran auch selbsternannte linke Kritiker_innen zu Wort, welche unsere Gruppierung und unser Unterfangen als regressiv und quasi nationalistisch denunzierten auf dem Niveau eines durchschnittlichen Indymedia – Kommentars.
Die logische Konsequenz für alle unsere Unterstützer_innen kann daher nur lauten, den längst überfälligen Austritt aus diesen Szene fetischisierenden, linksinternen Strukturen bekannt zu geben. Untermauert von der nüchternen Erkenntnis, dass den „Tag der deutschen Einheit“ einhergehend mit dem deutschen Nationalcharakter zu kritisieren anscheinend nicht konsensfähig sein kann.

Auch sonst entschied ein nicht kleiner Teil, der sonst so bewegungsorientierten Lübecker Antifa-Szene, sich doch dazu um, die Demonstration schnellstmöglich wieder zu verlassen oder den immer kleiner gewordenen Demonstrationszug weiter von außen zu beobachten. – Ein großer Teil hingegen entschied sich überhaupt nicht zu kommen.

Die Demonstration an sich verlief störungsfrei, es erfolgte neben einem von unserer Gruppierung gehaltenen Redebeitrag auch eine gelungene Verkündung der Gruppe Basta!-Linke Jugend, welche das Spezifikum was „deutsch“ ist ebenfalls benannte und aus gegebenen Anlass hervorgehoben hatte. Ebenfalls wurde ein Beitrag anlässlich des anstehenden 20. Jahrestages der Möllner Brandanschläge gehalten.

Wir bedanken uns noch ein mal ganz herzlich bei allen Unterstützer_innen.

~EL-Lübeck

Deutschland von der Karte streichen!

Am 3. Oktober wird das größte deutsche Volksfest, der „Tag der deutschen Einheit“, nun mehr zum 22. mal kollektivistisch zelebriert. Ein Großteil der Einheitsfeierlichkeiten konzentriert sich dieses Jahr in der Stadt München. Bei dem Abfeiern des völkisch-deutschen Nationalkonstrukts aus Glaube, Ethnie und Sprache kristallisiert sich neben der (teilsweisen) Selbstdefinition als „Aufarbeitungsweltmeister“ und der damit verbunden Relativierung der deutschen Verbrechen, auch jährlich die Identitätsstörung, welche ein Groß der Einwohner_innen der Republik nach Innen tragen, heraus. Eine Kritik des national-ideologischen Zugehörigkeitsfestes muss also unserer Meinung nach zwingend mit einer Kritik des spezifisch deutschen Nationalismus an sich einhergehen.

Das Fundament des deutschen Nationalcharakters bildet ein völkisches Verständnis von Nation. Wer oder was als „deutsch“ gilt, wird als Einheit aus Herkunft, Abstammung und kulturellen Merkmalen, wie Sprache und Glaube, definiert. Der deutsche Nationalismus umfasst daher im Gegensatz zu anderen Nationalismen, nicht die Gesamtheit aller in Deutschland lebender Menschen. Der historische Auslöser für diesen Blut-und Boden-Nationalismus war die napoleonische Besatzung, während der ein „wir“ und ein (außenstehendes) „ihr“ imaginiert wurde.
Jenes „wir“ bildete den deutschen Volkskörper in Ablehnung an die französische Besatzung und anderer Menschen, die nicht in das konstruierte deutsche Selbstverständnis passten. Immanent im deutschen Selbstverständnis war dadurch zunächst auch die Frankophobie, welche später um Antisemitismus und Antiamerikanismus erweitert wurde. Diese Ressentiments und Aversionen fungieren bis heute als kollektive Bestandteile deutsch-nationalistischer Ideologie und stellen allen voran und besonders am „Tag der deutschen Einheit“ ein zu bekämpfendes Übel dar.

Ein weiterer Gegenstand zur Kritik ist das nach dem Mauerfall erstarkte Nationalgefühl.
Besonders herauszuheben ist dabei die Zivilgesellschaft, welche fast schon in deutscher Tradition den Pogromen Anfang der Neunziger-Jahre affirmativ-verständnisvoll gegenüberstanden. Kurze Zeit nach den Pogromen wurde mit dem als „Kompromiss“ deklarierten Bundestagsbeschluss das Grundrecht auf Asyl quasi abgeschafft und „salonfähiger“, offener Rassismus in der Mitte der Gesellschaft weiter angeheizt. Eine Folge bleibt bis heute die Stigmatisierung und die in einigen Teilen der Republik als legitim geltende Verfolgung alles „Fremden“.

Während sich die Bundesrepublik Deutschland gerne als multiethnisch- und kulturelle Republik darstellt, hat sich die reale Situation in Deutschland bis heute nicht gravierend verändert. Menschen, die nicht in das ethnische Vorstellungsbild der Volksgemeinschaft passen oder auch nur von der Norm abweichen, stoßen weiterhin auf Diskriminierung, Verfolgung und kollektivistische Ablehnung.

„Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen.“

Theodor W. Adorno

Deutsche Kontinuitäten offenlegen, kritisieren und bekämpfen.

~El-Lübeck

Ideologieproduktion @ Café Brazil

Es ist mal wieder so weit. Nach der Neueröffnung des Café Brazils findet erneut wöchentlich der „Bio-Dienstag“ statt, zu dem sich augenscheinlich die komplette „(links)alternative“ Lübecker Szene versammelt, um den Tag ausklingen zu lassen, Menschen zu treffen und kennenzulernen oder einfach ein entspanntes Feierabendbier zu trinken.

Die meisten lassen sich allerdings nicht daran stören, dass die Spenden, welche an dem Abend für das Essen eingenommen werden, direkt an die völkisch–antiimperialistische und antizionistische Gruppe „Anarchists against the Wall“ fließen. Die israelische Gruppe, die sich selbst als antikolonialistisch, parteilos und heterogen definiert, tritt für eine kompromisslose Abschaffung des jüdischen Staates ein. Sofern gegen Israel mobilisiert wird, schrecken sie auch nicht davor zurück, mit nationalistischen Gruppen und klerikal-faschistischen Mörderbanden, wie der PFLP, Fatah und der Hamas zusammenzuarbeiten.*

Beworben wird der „Bio–Dienstag“ durch ein Flugblatt, das jede Woche im Brazil ausgelegt wird. Auf diesem ist neben der pauschalen Aussage, die Betreiber_innen seien „gegen Großkonzerne und Lebensmittelfirmen“, und der Information über das anstehende 3-Gängemenü auch der Ausruf für „gerechten Frieden in Jerusalem und Palästina“ zu lesen. „Der Grenzwall zu Palästina muss fallen“ und „weg mit der israelischen Unrechtsbesatzung“ heißt es weiter. In welcher prekären Lage sich der jüdische Staat, welcher den Schutzraum für die Shoa–Überlebenden und dem Antisemitismus ausgesetzten Menschen sichert, befindet, wird außer Acht gelassen. Dabei wird ein schwarz-weiß Schema erzeugt, welches in „böse“ Israelit_innen und „guten“ palästinensischen Widerstand selektiert, die allgegenwärtige Situation der existenziellen Bedrohung verklärt und damit die antisemitische Internationale ignoriert oder gar beschönigt. Der als „Apartheidsmauer“ diskreditierte Trennzaun an der Grenze zum Westjordanland, der als Antwort auf die 2. Intifada erfolgte, hat de facto etliche Menschen vor Übergriffen und Selbstmordattentaten geschützt, da die Anschlagsquote seither rapide zurückgegangen ist.

Eingeleitet wird das wöchentliche Event durch eine stark emotionale Rede der Betreiber_innen, in welcher in linksdeutscher Kampfmanier über die Geschehnisse im nahen Osten gehetzt wird. Zu besonderen Anlässen, wie der Sichtung einer palästinensischen Fahne vor dem französischen UN-Konsulat, wurde in der Vergangenheit auch gerne mal französischer Wein ausgeschenkt, was nicht nur einen positiven Bezug auf den Nationalstaat darstellt, sondern auch von einem völkisch-ideologischen Verständnis zeugt und in abstruser Widersprüchlichkeit zu der auf dem Flugblatt propagierten Plattitüde „Reißt die Mauern ein, die euch Trennen“ steht.

Bei einer solchen Instrumentalisierung des Konflikts und dem Erzeugen eines simplen Antagonismus handelt es sich um Ideologieproduktion, also dem Schaffen eines „falschen Bewusstseins von einer falschen Welt“ (Marx).

Wir hoffen, dass wir einige Menschen zum Nachdenken über die Veranstaltung bringen konnten und das eine kritische Reflexion über die gegebenen Zustände erfolgt.

~El-Lübeck

*Interview mit der AATW im Monatsheft ‚Feierabend‘